Foto: Ute Haupts

 

Suk: Der digge Reader

The Notwist.
In Stolberg. Ein Ort für sich. Hat sein eigenes Bier. Aber präsentiert es nicht. Trank also Kölsch. Hätte ein Ketschenburg sein können. Sein und Können. Wie Kain und Abel. Abel nun zum Konzert. Vor mir stand ein Mann mit Zopf. Notwist machen Wedel-Musik. Gab also sehr viel Haare um die Ohren. Links und rechts. Links und rechts. Gefilmt hat er auch. Der Zopfmann. Mit Handy. Tanzend. War schon Schrott bei der Aufnahme. War kurz davor es ihm zu sagen. Aber man ist ja Sadist. Er trug übrigens das gleiche After Shave wie ich vor 20 Jahren. Das war pure Mathematik. Ungefähr 5 Jahre älter als ich und über 20 Jahre altes After Shave auf der Haut. Wo soll man denn da noch mit seiner Nostalgie hin? Notwist machen intelligente Musik. Sage ich jetzt mal so. Schicken minutenlang eine Lawinenwarnung raus bis sie dann kommt. Die Lawine. Gewaltig. Über die Texte kann ich nichts sagen. Ich vergesse ja auch die Farbe der Krawatte des Meteorologen. Immer kommen lassen, sag ich. Und die Jungs kommen gut. Machen das schon lange, ließ ich mir sagen. Bin vor der zweiten Zugabe trotzdem raus. Bin ein ungeduldiger Mensch. Werde mir manchmal selbst zu viel. Trotzdem nix bereut. Wurden nach Hause gefahren von einem Mann, der aussah wie aus dem letzten Papa Suk-Film. Das Leben ist ein Kreis. Und ein Regenbogen. Ok. Einigen wir uns auf Zebra. Gute Jungs.

Von einer merkwürdigen Benefizveranstaltung geträumt. Gitarrenspieler aller Altersklassen sollten sich für einen wohltätigen Zweck in den Kopf schießen. Ich saß im Publikum und war erstaunt, wie viele Menschen dem Aufruf folgten. Den Hintergrund dieses Events konnte mir keiner erklären. Fast im Minutentakt fielen Schüsse. Die meisten Teilnehmer sackten wortlos zusammen. Einige blieben jedoch nach dem Schuss stumm und leeren Blickes in der Hocke sitzen, waren nur noch willenlose Hüllen. „Dann lieber tot“, dachte ich mir. Kurz darauf drückte mir jemand ein Gewehr in die Hand. Ich sei nun dran, sagte er. Ich schüttelte meinen Kopf und erklärte, dass ich nur Gast sei. „Ich weiß“ bekam ich als Antwort. Dann befand ich mich auch schon vorne bei den Anderen. Ich schaute mit zugekniffenen Augen in die Sonne. Sie wurde größer und größer. Mit dem Wort „Pjöngjang“ in meinem Kopf wurde ich wach.

Shooting Stars

Manchmal, wenn ich an meine Sterblichkeit denke, sei es bei einem schlechten Essen oder einem unangenehmen Sitznachbarn im Bus, wird mir klar, warum ich mich so für Schildkröten und Kakteen interessiere. Es ist nicht nur die Gelassenheit oder der stille Widerstand. Es ist dieses “Die werden mich überleben”
Nun, ich möchte einerseits keine 123 Jahre alt werden, andererseits geht mir nach meinem Tod sicher einiges flöten, was vielleicht noch von Interesse hätte sein können; Schaumstoffperücken, perforierte Zehnägel, solarbetriebene Windspiele, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Klar, man kann auch Angst vor der Zukunft haben. Aber die hatte ich schon immer. Wahrscheinlich hat mich die Neugier bisher überleben lassen. Mal sehen, wie lange das noch anhält. Leider werde ich jedoch nie erfahren, wieviele Schildkröten an meinem Grab standen und ob mir jemand Kakteen gebracht hat.

it don’t come easy.

Gestern im Pausenraum über die BILD-Zeitung gestolpert. Gab unter anderem die Schlagzeile “Erwachsener hüpft Kind aus Hüpfburg” (kein Scherz) … Dachte nur “Typisch … Springer-Verlag”

Blattgold.

Ich glaubte lange Zeit, dass das erste Lebewesen nach dem Urknall die Taube gewesen sei …

Glaube.

Irgendwie war Lemmy immer Kumpel. Dieses Kieselstein-gurgelnde Wesen mit den Augen eines Hundes und den Erbsen-großen Warzen im Gesicht war mein unausgelebter Rock’n Roll. Ich habe es nie krachen lassen, aber tief in meinem Herzen gab es einen Proberaum, in dem Bands wie diese auf Lebenszeit umsonst spielen durften. An meiner Zimmerwand hing eine “Orgasmatron”-Fahne und meine Mutter hat mir einen “Iron Fist”-Patch auf meine Jeansjacke genäht. Ja, ein bisschen peinlich, aber Lemmy hätte sicher drüber gelacht. Wir hätten darauf angestoßen; ich mit einer Topstar-Cola, er mit einem Whiskey. Vielleicht hätte er mir auch auch einfach nur in den Arsch getreten. Die Motörhead-Scheiben polterten selbst beim Hausaufgaben-machen auf meinem Plattenteller.
“Wie kann man bei dem Krach nur lernen?”, fragte meine Mutter oft. Dabei hat Lemmys Band überhaupt erst Platz geschaffen für neues Wissen … Einmal mit der Kettensäge durch und gut. Sie waren die beste Gegenfrequenz, Ausradierer billigen Liebeskummers, und, ja, sie hatten verdammt noch mal geniale “Melodien”.
Dieses Kopf in den Nacken legen und von unten ins Mikro bellen, diese weißen Stiefel, die bei jedem anderen einfach nur lächerlich ausgesehen hätten, aber ihn weiterhin ne coole Sau blieben ließen, dieses dreckige Lachen und seine derben Witzchen bei Interviews (“George Bush würde ich noch nicht mal ins Maul pissen, wenn seine Zähne brennen”) … ach, herrlich. Ich wollte immer mal auf ein Konzert, habe dann aber doch immer gekniffen, weil ich ein bissl Angst hatte, zertrampelt zu werden oder den Rest meines Lebens mit verbrannten Ohren zu verbringen. Nun ja … Jetzt ist er wech. Vermiss ihn schon sehr. Werd mir noch einige Platten nachkaufen. Nicht aus Totenkult … sondern ich habe noch mal das Türchen aufgehen hören, im alten Proberaum, tief in meinem Herzen.

Lemmy Sleep

Das Leben steckt voller Gefahren. Wie schnell hat man beim Rolltreppe fegen ein Bein verloren oder kommt in den Frauenknast, weil man vergessen hat die Spülmaschine vernünftig einzuräumen? Ja, klingt alles absurd, aber seid gewarnt. Eben noch, entdeckte ich in meinem Moorbad eine Hummerschere. Man muss mit allem rechnen, immer und überall…

It’s a hard world

Letzte Nacht hatte ich einen schönen Traum von der Sintflut. Ernsthaft. Und wenn beim Weltuntergang mein Herz wirklich bis zum Hals schlagen sollte, kann ich ihn kaum abwarten.
Wir standen mit vielen Menschen an einer steilen Straße meiner alten Heimatstadt. Wussten alle, dass die große Welle kommen würde, und waren dennoch in Partystimmung. Du trugst deine Haare nach hinten gebunden und eine Jeanslatzhose; warst voller Leben und doch bereit zu gehen.
Auf der Straße lagen ein halbes Gummikrokodil, ein roter Ball und einige Autoreifen. Aus irgendeinem Grund waren sie dort platziert worden … Ja, sie sollten wohl mitgerissen werden. Wir hielten uns an den Händen und hörten schon Minuten vorher das Rauschen aus der Ferne. Dann rief einer „Da!“ und die Welle kam … Gewaltig. Atemberaubend schön.
Wir rannten los. Die Straße runter; du links in einen Rosengarten, den ich irgendwie noch in Erinnerung hatte. Nur im Traum war er viel größer. Ich rannte dir hinter her. Wasser schoss mir in die Hüfte. Ich sah dich vor mir stürzen und fiel kurz darauf selber hin. Ich schrie dir „Ich liebe dich!“ hinterher. Dann schlug mir das Wasser ins Gesicht. Das Rauschen wurde immer lauter, aber dein „Ich liebe dich auch!“ hörte ich noch. Jetzt war alles gut. Wasser drang in meine Lunge. Dunkelheit … Aufwachen.

Nach dir …

Also manche Dialoge …

H:” … und am Ende war er der Schrottdieb”
R:”Heißt nicht auch ein Porno aus den 70ern so?”
H:”Wie?”
R:”Schrottdieb. War doch damals mega-erfolgreich …”
H:”Ach, du meinst sicherlich Deep Throat …”
R:”Stimmt. Ich vertue mich da immer …”

Schrottdiebe

Letztens saßen Brian Eno und Marie-Luise Marjan im Domkeller. Händchenhaltend. Irre. Fiel mir aber erst auf, als ich mich zum Schuhe-binden bückte. „Oh, hatte ich gar nicht bemerkt, dass meine Schuhe aufgegangen waren. Danke.“ sagte Brian. Marie-Luise strahlte über das ganze Gesicht. Wie immer halt. Sie schaute rüber zu Brian und sagte „Was für ein hilfsbereiter junger Mann. Würde sich gut als Jesus-Figur in unserem Entspannungsraum machen, nicht wahr?“ Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Sicher hatte ich mich verhört. Ich lächelte verlegen, machte einen kleinen Knicks und ging zurück an meinen Tisch. Den ganzen Abend über fühlte ich mich von den Beiden beobachtet. Einmal glaubte ich sogar gesehen zu haben, wie Marie-Luise mit dem Zeigefinger zuerst auf ihre Handinnenfläche und dann auf einen ihrer Füße zeigte. Als sie mich bemerkte, machte sie einen ganz graden Mund. Eno kritzelte immer wieder etwas auf seinen Bierdeckel. Nickte ihr fast nach jedem Satz zustimmend zu. „Die sind wahnsinnig die Beiden.“ dachte ich. „Die hätten sich nie kennen lernen dürfen.“ Ich bezahlte wenig später und lief wie ein Irrer nach Hause. Verdammt, war das unheimlich. In der Nacht träumte ich, ich wäre ein Kutschenrad. Ob da ein Zusammenhang besteht? Keine Ahnung …