Suk: row your boat

zur Wahl…

Gut, wenn es Alternativen gibt:

MESSER im Plattenbau gefunden

Plattenbau, 14. April 2012

Die Tür geht auf. Sauerstoff. Die Haare klatschnass und vom eigenen Lärm berauscht lässt Hendrik sich auf die Treppenstufe sinken. Der Sänger von Messer hat sich bis gerade die Kehle wund und die Seele blank geschrien. „Jemand ’ne Kippe?“, fragt er schnaufend. Respekt. Knapp eine Stunde lang haben die vier Jungs aus Münster dem Plattenbau Pfeffer gegeben. „Neues Buntes Grau“, schießt es mir wohlig durch den Kopf. Endlich. Denn, was hatten wir denn noch von unseren Helden alter Tage? Bei den Fehlfarben platzt langsam der Lack ab und Kraftwerk haben mittlerweile nur noch Bio-Eier in der Hose. Messer tun gut. Vertraut aber gut ausgebaut sind ihre Klänge. Nicht das Pimmelgeschrubbe vieler Hausaufgabenvergesser. „Gentleman-Drummer“ Philip, der optisch ein Sohnemann vom Wolle Flür sein könnte, ballert gnadenlos seine Munition aufs Becken und zeigt auch dem letzten Zweifler, dass man keine Arme wie Mammutbaumwurzeln braucht, um die Knüppelsäge zu beherrschen. Ergänzt durch Pogo am Bass und Pascal an der Gitarre, die ebenfalls wissen, dass das wahre Musikerherz hinter dem Bauchnabel schlägt, bekommt die Krautrockschaukel frisches Fett auf die Kette. Ja, ich schwärme, und lasst mich mal der Nostradamus des Post-Punks sein: Das werden mal ganz Große.

GWAR im Musikbunker

GWAR, Musikbunker, 13. Juli 2010

Schon seit Jahren hege ich den Wunsch, irgendwann mal ein Blutsuppen-Restaurant zu eröffnen; vermutlich aus purer Verliebtheit in die Seltenheit dieses Wortes. Einen Eindruck, wie es in der Küche eines solchen Lokals zugehen könnte, bekam man jedenfalls beim GWAR-Konzert. Vorausgesetzt natürlich, man stellt sich diese Küche in der Hölle vor. Gegen 21.30 Uhr wurde die Bühne des Musikbunkers zu einer Art Spielkonsole. Muskulöse Gummi-Dämonen mit spritzigem Humor ließen zwischen ihren kurzen Shock-Rock-Stücken die Axt kreisen, und sorgten dafür, dass das nach Blut lechzende Publikum nicht zu kurz kam. Abgehakte Gliedmaßen diverser B-Promis (Bin Laden, Hitler, Ratzinger etc.) schossen literweise ihren rot-grünen Lebenssaft in die Menge, bis auch das letzte weiße Hemd wie „eingeschlafen auf der Pizza“ aussah. Das Kunstblut war überraschenderweise erfrischend kühl, schmeckte aber leider wie ein getragener Gummistiefel. Es wurde wortwörtlich ein bunter Abend, und nach einer knappen Stunde verließ man blutig aber glücklich den Splatter, der (manchen) die Welt bedeutet. Wahrscheinlich war das Konzert deshalb so kurz und frei von zeitraubenden Zugaben, weil man danach eine weitere halbe Stunde damit beschäftigt war, mit Bürste und Kernseife das ganze Zeug wieder vom Leib zu kriegen. Dieses außergewöhnliche Event hatte mir Frau Suk übrigens zu unserem ersten Hochzeitstag geschenkt. A Love like Blood…

 

 

 

 

 

 

 

Suk und ein (Blut-) Zellengenosse

Ganz schön feist im Franz

FRANZ, 15.1.2011

22:30 Uhr. Ein geschmeidiges Konzert ist zu Ende.

Ich stehe neben Mathias Zeh, dem Frontsänger von Ganz Schön Feist. Der Mann mit dem Eimerchen Sand in der Stimme und seine zwei Kollegen „Ray Shaft“ und „Julia“ geben Autogramme. Jemand schiebt eine CD zum signieren über den Tisch. „Für wen?“ fragt Mathias. Antwort „Egal.“ Die drei setzen ihre Kürzel drunter. „Egal“ freut sich und geht sichtlich zufrieden nach Hause. 20 Jahre Ganz Schön Feist. Egal? Von wegen. Hey! Diese Combo ist länger zusammen als die Beatles, länger als Die Zeugen Jens/Roberts. Länger als wer? „Macht ihr eigentlich noch was?“ fragt Mathias. Ich verneine. „Schade. Warum?“ Ich erkläre ihm, dass uns damals auch eine Yoko Ono dazwischen kam. Er schaut zu Frau Suk neben mir. „Ist das Yoko Ono?“ Ich verneine erneut. Bin etwas hibbelig. Wir haben ein kleines Interview vereinbart. Das letzte Mal traf ich die Feisten vor 12 Jahren. Wir stellen fest, wir sind alle in die Haare gekommen. Wenig später sitze ich Mathias mit Stift und Zetteln gegenüber. Ich werde keinen einzigen brauchen. So habe er sich das auch vorgestellt, einfach nur reden. Und ich rede. Erzähle ihm davon, dass mich ihre bunten Anzüge an Becketts Inszenierung Quadrat erinnerten und das sie die Fähigkeit besitzen würden, das Publikum zum Synchronschwimmen zu animieren. Ich spreche ihn auf ihren Auftritt in einer Blindenschule an, in einem komplett abgedunkelten Raum. Mathias gerät ins Schwärmen, erzählt von einer ganz besonderen, wunderbaren Erfahrung. Blinde hätten sie sicher zur Bühne gebracht und das Gefühl, mal mit geschlossenen Augen und mal mit offenen Augen zu singen und beides mal nichts zu sehen, sei schon sehr speziell gewesen. Sind schon gute Typen, die drei. Ich halte nochmal meine leeren Zettel hoch. „Habe immer noch nix notiert.“ „Och,“ sagt Mathias. „und wenn das Gespräch einfach nur dazu gut war, dass du wieder Musik machst.“ Danke. Ich denke wirklich darüber nach.

Moogulator in der Klangbrücke

Weil i die moog

Moogulator in der Klangbrücke, 10. März

„Nach der Pause wird es böse“, warnte Moogulator, der Soundtüftler aus Solingen sein Publikum. Böse ist die neue Steigerung von gut, lernte man an diesem Abend. Denn das anfängliche Kling-Klang-Vorwort verschwieg noch die große Welle, die im Laufe des Abends wohlig über die Ohren spülen sollte. Schnell stellte man fest: Der Moogulator ist wie ein guter Koch; erst wenn die Pfannen heiß sind, wird richtig losgelegt. Im Schneidersitz auf der Bühne hockend ließ er seine Finger über Regler, Pegler und Pads fliegen, bis sich aus Soundfetzen etwas untanzbar Schönes formierte. Vor meinen zeitweilig geschlossenen Augen sah ich Das Kabinett des Doktor Caligari; diesmal mit Robotern besetzt. Besonders faszinierte mich das optische Theremin. Mit diesem „Obi-Wan-Kenobi-Touch-Pad“ wurden berührungsfrei mit der Hand Songs gewürgt und gequirlt. Hatte ich bis dato noch nie live gesehen bzw. gehört. Nun, wo bei unserem Schrauber die Wurzeln liegen war unschwer zu erraten; da zuckerte mal etwas Cluster, boingte etwas Kraftwerk, hackte Aphex Twin und ein Besuch in der Klinik war auch noch drin. Das Publikum bestand größtenteils aus Leuten, die damals selbst noch an klaviergroßen Rechnern gehockt haben und Pipi der Freude in der Cordhose hatten, wenn mal ein „Üüüüh“ aus der Box kam. „Ich liebe das Üüh“, verriet uns Moogulator bei einem kleinen Gespräch nach der Show. Äh, ich übrigens auch.

Leergang

Glascontainer. Möchte ich keiner sein. Ihr Leben ist doch ein einziger Scherbenhaufen. In ihnen wird sie geboren, die klirrende Kälte, die innere Leere, auch wenn das vielleicht etwas widersprüchlich klingt. Sie tragen nur Vergangenheit in ihren Bäuchen; das Glück alter Tage, die Schwere unserer Köpfe. Sie riechen aus ihren Öffnungen wie der Tod aus dem Hals. Aber so riecht Luxus nun mal, wenn er alt ist. Die barocken Fiffis damals haben ihren eigenen Gestank noch überpudert. Warum schmeißt keiner seine leeren Parfumfläschen in den Altglascontainer? Fänd ich dufte. Ich habe mich mal auf eine Bank in der Nähe eines Containertrios (weiß, braun, grün) gesetzt und das Wegwerfverhalten meiner Mitmenschen beobachtet. Hier entdeckt man die dunkle Seite eines jeden. Plastikdeckel und Korken werden sehr oft aufs Containerdach gelegt. Klar, haben im Container ja auch nix zu suchen. Genau wie alte Fernsehapparatte. Die stellt man neben den Container. Lattenroste ebenso. Die Beweisfotos stecken leider alle nur in meinem Kopf. Richtig ekelhaft finde ich die halbvollen Marmeladengläser oder Bierflaschen, die mit vertuschender Hand  schnell ins pfandlose Jenseits geschickt werden. Mann, was das für eine Suppe auf dem Containerboden gibt. Schlimmer als die Matraze von Pipi Langstrumpf. Aber so ist das mit dem Entsorgen; zu Hause jedenfalls schon mal eine Sorge weniger. Container befüllen erfüllt uns. Everything -klirr-?

Tula

Hotel Europa, Mo 14. März 2011

Tula sang und die Männer weinten. Ich sah Tränen hinter den Brillengläsern des Mannes neben mir, und der Typ schräg gegenüber hatte seinen Kopf an die Kühltruhe gelehnt, die Augen geschlossen und war irgendwo in Schweden; oder festgefroren. Doch, es war schon ein emotionales Dingen. Einige Songs schufen schneebedeckte Umzugskartons in meinem Kopf, die voller alter Liebesbriefe am Waldrand standen und nun besungen wurden; von einer zierlichen Marionette in schwarz, die mit ihren dünnen Fingern immer wieder etwas in die Luft stickte; Taschentücher vielleicht. Ihre Stimme brüchig, einer Moosbeere gleich, verletzt, traurig, ja, manchmal ein Ticken zu leidend. Auch sie würde bei einem Song eine Träne vergießen, als sie alle gegen den Polar schrien, sie selbst, ihr Stimmenzwilling am Keyboard und der blonde Bart an der Gitarre. Musikalisch gab es so gut wie nix zu kritteln. Wunderbare Klangteppiche. Da schloss sogar ich schon mal die Augen. Aber da ich nicht genau wusste, wo von uns aus gesehen Schweden liegt, blieb ich einfach in Aachen. Viele waren am Ende wirklich berührt, hatten vielleicht sogar Fingerabdrücke auf ihrem Herzen. Ich werde ein, zwei Melodien in meinem Kopf behalten und sie summen, wenn der nächste Winter kommt. Aber ich werde nicht weinen.

Xenia Kriisin & Gwen Kyrg

Doppelkonzert im Hotel Europa, 15.9.11

Ja, ein schöner Flyer war ‘s schon; sehr ansprechend. Aber musikalisch befand ich mich an diesem Abend auf dem Todesstern. Sängerin Xenia Kriisin erinnerte optisch auch ein wenig an Leia Organa, nur das brave Dirndl irritierte. Barfuß sind sie ja mittlerweile alle, die Frauen, die sich ihr Tagebuch aus dem Kopf schreien. Es war im wahrsten Sinne eine Zitherpartie. Nun, vereinzelt mag ich ja brüchige Stimmen, aber das waren mir dann doch zu viele Scherben in meinem Schädel. Der Zweite Act, eine Sängerin mit dem Namen Gwen Kyrg, war ein Ticken experimenteller. Ein Hauch Laurie Anderson, ein Hauch Neue Deutsche Welle, aber ebenfalls nur Leid erlebt. „Rufus, die Hennen brennen.“sang sie. Nein, sang sie leider nicht. Es waren doch die Hände. Mir dagegen brannten nach kurzer Zeit die Füße; vom Scharren, vom Harren, vom Gedanken an Papillon. Schöne Verfilmung mit Steve McQueen übrigens. Wie er am Ende mit Säcken voller Kokosnüsse die Klippe runter springt… Hach…

Agent Outrage

Wild Rover, 18. Februar 2011

Ich kenne eigentlich gar nicht so viele Punkbands. Liegt vielleicht auch daran, dass ich nicht auf viele Punk-Konzerte gehe. Bin manchmal wohl zu sehr ein Klischee-Reiter. Will heißen, ich verband Punk-Konzerte bisher immer mit blauen Flecken, auf Kotze ausrutschen und Hörsturz. Auf dem Konzert von Agent Outrage wurde ich jedoch eines besseren belehrt. Hat echt Laune gemacht, und der Kopf ist auch noch dran. Die Gitarren auf den Kniescheiben, den Blick Richtung Deckenlampe wurde eine knappe Stunde die Luft geschrubbt, dass es eine blanke Freude war. Speziell in Anbetracht des Sängers, kann ich behaupten, hier wurde geklotzt und nicht gekleckert. Yep! Die Jungs merk ich mir mal.

Kreidler

Pfundsstück aus der Kreidler-Zeit

Kreidler im Musikbunker

„Geiles Konzert“ ist sicherlich ein besserer Satzanfang als „Das gnadenlose Warten führte fast zu einem Ermüdungsbruch meiner Beine.“ Aber wenn man sich knapp zwei Stunden lang den Godot geben muss, bis es auf der Bühne endlich mal -Piep- macht, ist das schon Kraftsport für Wadenschwache. Gut, für’s Essen soll man sich ja Zeit lassen, auch wenn es sich um chinesisches Bandcatering vom Feuerdrachen handelt. Und pünktlich anfangen ist unfair den Leuten gegenüber, die zu spät kommen. Aber zwei Stunden…? Ach, genug gemeckert. Denn als es dann mal los ging, ging es aber auch los, und zwar so was von. Haben mich echt berauscht die KREIDLERs. Meine Pupillen bekamen Saturnringe, so kosmisch schön, so vertraut befremdlich drangen ihre Klangwelten in mich ein. Ich suchte dauernd nach Komplimenten, die ich bisher noch nie ausgesprochen hatte, und die noch kein Seemann sich auf den Unterarm hat tätowieren lassen. „Kraftwerk mit Eiern in der Hose.“ Oder „Wenn die neuen Filme von John Carpenter so einen Soundtrack hätten, wären sie endlich wieder gut.“ Auffällig war, wie viele Köpfe tanzten. Nur gut, dass sie nicht auf perforierten Hälsen saßen. Hätten ruhig ein paar mehr Leute da sein dürfen, aber ist halt Aachen, Alter.